Themen: NS-Zwangsarbeit - Zwangsarbeiterkind    in Duderstadt KZ-Außenlager Jüdische Gemeinde: Geschichte -  jüdischer Friedhof Friedhof 1953 Vernichtung Stolpersteine  Nationalsozialismus  und Duderstadt - Verdrängte Realität - Bgm. Dornieden - Richter Trümper - Priester R. Kleine Nachgeschichte des Nationalsozialismus:  - bürgerliche Alt-Nazis  - Kriegsgräber  - Anreischke  - Rechtsextremismus Friedensglobus Kriegsgefangene Hinweis: Die Geschichtswerkstatt Duderstadt e.V. wurde vom Finanzamt Northeim als gemeinnützig anerkannt und kann Spendenquittungen ausstellen. Bankverbindung der Geschichtswerkstatt: Sparkasse Duderstadt (BLZ 26051260), Konto Nummer 116830 Ausstellung: Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit - Südniedersachsen 1939-1945 Öffnungszeiten: mittwochs und freitags von 10-16 Uhr, jeden 1. Sonntag im Monat von 14-17 Uhr Tel. 0551/29 34 69 01 Mehr Informationen: www.zwangsarbeit-in- Niedersachsen.eu BBS II Godehardstr. 11 37081 Göttingen Mirosław Kukliński:  Als Zwangs- arbeiterkind in Südniedersachsen 1944-1946. Filmisches Interview. Für 5 € erhältlich bei der Geschichtswerkstatt Duderstadt. DVD: Als Zwangsarbeiterkind in Südniedersachsen   1944-1946  Während des Zweiten Weltkrieges wurden Millionen zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert – laut Nürnberger Prozess ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Interview mit Mirosław Kukliński zeigt, wie auch Kinder zu den Opfern zählten. Der vierjährige Mirosław erlebte Kämpfe während des Warschauer Aufstandes und wurde mit seinen Eltern über das Durchgangslager Pruszków in das KZ Sachsenhausen deportiert, dann mit seiner Mutter weiter in das KZ Buchenwald und ins Untereichsfeld. Teils aus den Erzählungen der Mutter, teils aus eigener Erinnerung berichtet Mirosław Kukliński über ihr  Schicksal in der Ziegelei Jacobi in Bilshausen und in der Reißwollfabrik Hollenbach in Duderstadt. Es ist ein subjektives Erinnern an die Zeit als Zwangsarbeiterkind in Duderstadt, die Befreiung durch Truppen der USA, das Schicksal als Displaced Persons und das Wiederfinden des Vaters in Warschau. Mirosław Kukliński erzählt, wie sein eigenes Leben nach dem Krieg beeinflusst war durch eine Liebe zu den USA, die sich in Duderstadt in der Begegnung mit den amerikanischen Befreiern entwickelt hatte. Die Darstellung unterschiedlicher Behandlung von zwei Gruppen polnischer Zwangsarbeitenden in dem Interview konnte nicht verifiziert werden. Allerdings: Während Zwangsarbeitende üblicherweise durch das Arbeitsamt vermittelt wurden, kam die Warschauer Gruppe aus dem KZ der SS. Die DVD enthält das Interview mit Mirosław Kukliński in drei Teilen: Teil 1: Von Warschau ins Eichsfeld – 1944 Teil 2: Zwangsarbeit bei der Firma Hollenbach in Duderstadt – 1944/45 Teil 3: Befreiung und Rückkehr nach Warschau Der Film wurde mit Unterstützung der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und aus dem Projekt „Moving with the Exhibition“ der Geschichtswerkstatt Göttingen gefördert. Die eingeblendeten Fotos stammen aus dem Bundesarchiv und von Mirosław Kukliński. Interview: Götz Hütt. Kamera und Schnitt: Sascha Heppe. Günther Siedbürger: Einführung ins Thema NS- Zwangsarbeit in Stadt und Altkreis Duderstadt Etwa 13,5 Millionen ausländische Arbeitskräfte und Häftlinge von Konzentrationslagern und ähnlichen Haftstätten verrichteten zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeit auf dem Gebiet des „Großdeutschen Reichs“. Davon waren etwa 8,4 Millionen – also der weitaus größte Teil – Zivilarbeiter, 1,7 Millionen Häftlinge aus Konzentrationslagern, Ghettos und ähnlichen Lagern und etwa 3,4 Millionen Kriegsgefangene. Alle drei Gruppen waren hier in Duderstadt vertreten: Kriegsgefangene mit Arbeitskommandos in Industrie, Landwirtschaft und einzelnen Handwerksbetrieben; Ein Außenkommando des KZ Buchenwald mit 750 bzw. 755 jüdischen Frauen, die fast ausschließlich aus Ungarn kamen, in der Rüstungsfabrik Poltewerke am Euzenberg; Ausländische zivile Zwangsarbeitende praktisch überall: neben der Landwirtschaft, in der in der Region knapp die Hälfte der Zwangsarbeitenden eingesetzt wurde, arbeiteten sie in der Industrie, bei der Eisenbahn, in Handel, Handwerk, Gesundheitseinrichtungen wie dem Martini-Krankenhaus, in der Forstwirtschaft und in kommunalen Betrieben. Vor 30 Jahren war über Art und Umfang dieses Kriegsverbrechens hier fast gar nichts bekannt. Das hat sich mittlerweile zumindest für die Gruppen der KZ-Häftlinge und der Zivilarbeiter geändert, während wir über die Situation der hier eingesetzten Kriegsgefangenen nach wie vor nicht viel wissen. Ausländische zivile Zwangsarbeitende prägten das tägliche Bild in den Städten und Dörfern. Ihr Altersspektrum reichte von kleinen Kindern bis zu Greisen, die alle zur Arbeit gezwungen wurden. Ohne ihren Einsatz wäre die deutsche Wirtschaft zusammengebrochen. Viele deutsche Betriebe haben von dem Einsatz ausländischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wirtschaftlich profitiert. Zivilarbeiterinnen und -arbeiter kamen aus einer Vielzahl von Staaten und Nationen; für Südniedersachsen sind bisher 16 Herkunftsländer nachgewiesen. Fast zwei Drittel (61 %) kamen aus Osteuropa. Die mit Abstand größte einzelne Gruppe (42 %) stellten dabei die Bewohner Polens dar. Knapp zwei Drittel der Zwangsarbeitenden in der Region waren männlichen Geschlechts. In ihrer Heimat wurden die Menschen als Arbeitskräfte angeworben, „dienstverpflichtet“ oder – wie sehr häufig – gewalttätig von der Straße weg deportiert. Unabhängig davon einte sie, dass sie, einmal im Reich, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnten, sondern praktisch Gefangene waren. Dieser sogenannte Ausländereinsatz im Reich war ideologisch eigentlich nicht erwünscht. Die nationalsozialistische Rasseideologie nahm Abstufungen zwischen Angehörigen „arischer“ Völker, zu denen z.B. Niederländer bzw. „Flamen“ zählten, „romanischer“ Völker (z.B. Franzosen und „Wallonen“) und„slawischer“ Völker (z.B. Polen, Russen) vor. Die aus Polen und der Sowjetunion deportierten Menschen galten als Slawen und damit als Untermenschen. Ihr Stellenwert war der von Arbeitstieren für die deutsche/ arische Herrenrasse. Für diese Gruppe wurde ein Sonderstrafrecht eingeführt, das die Lebensführung bis ins kleinste festlegte. Die Details ihres Alltagslebens waren bis hin zum Friseurbesuch oder zum Kirchgang reguliert und strafbewehrt. Insgesamt liefen diese Regelungen auf eine möglichst weitgehende Beschränkung der Bewegungsfreiheit, eine umfassende Isolierung und die Herabstufung zum rechtlosen Objekt nationalsozialistischen Herrschaftswillens hinaus. Merkblätter für die deutschen Arbeitgeber und zahlreiche Hetzartikel in der Tagespresse sorgten dafür, dass die einheimische Bevölkerung über diese Regelungen genau (teilweise besser als die Betroffenen selbst) im Bilde war. Die Betroffenen selbst schwebten in ständiger Gefahr, wegen irgendwelcher Kleinigkeiten oder aufgrund von Denunziationen verhaftet, ins Gefängnis oder Straflager gesteckt zu werden und infolge dessen womöglich ihr Leben zu verlieren. Mit dem Sonderstrafrecht für Polen wurde 1940 auch erstmals die „Kennzeichenpflicht“ für eine Personengruppe im Reich eingeführt. Polnische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden gezwungen, an ihrer Kleidung ständig ein „P“-Abzeichen zu tragen. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion und der Verschleppung vieler dortiger Bewohner ins Reich wurde eine entsprechende Regelung auch für diese Menschen geschaffen: als sogenannte Ostarbeiter waren sie gezwungen, ein Abzeichen mit dem Wort „OST“ an ihrer Kleidung zu tragen. Hier in Stadt und Altkreis Duderstadt spielte die Industrie als Einsatzort von Zwangsarbeitenden eine große Rolle. Vor Kriegsbeginn herrschte hier eine sehr stark landwirtschaftlich orientierte Wirtschafts- und Sozialstruktur vor. Das änderte sich im Krieg rasant. Zwischen 1939 und 1944 wuchs die Zahl der Einwohner der Stadt Duderstadt um 71 Prozent. An dieser Steigerung hatten die vielen ausländischen Arbeitskräfte, die in die Stadt gekommen bzw. dorthin verbracht worden waren, großen Anteil. Sie arbeiteten in den lokalen Industriebetrieben und in der Bauwirtschaft, der bei weitem größte Teil von ihnen in der Stadt selbst bei Bau und Betrieb des Rüstungsunternehmens Polte, im Kreis auf der Großbaustelle des chemischen Betriebes Schickertwerke in Rhumspringe. In dem Film spielen zwei andere Firmen eine Rolle. Da sind zum einen die Jacobi Tonwerke mit ihrem Stammwerk in Bilshausen. Hier arbeiteten während des Krieges ca. 220 Ausländer, sämtlich aus Osteuropa, der größte Teil aus der Sowjetunion stammend, in der Ziegelproduktion und bei Verladearbeiten. Fast die Hälfte waren Frauen, es gab relativ viele Ehe- und Geschwisterpaare, z. T. offenbar ganze Familien. Für diese osteuropäischen Zwangsarbeitenden führte der Betrieb ein eigenes Lager in vier festen Gebäuden innerhalb des eingezäunten Fabrikgeländes, das sogenannte „Russenlager“, das von einem deutschen „Betriebsobmann“ überwacht wurde. Im Sommer 1944 häuften sich die hygienischen Missstände in diesem Lager. Die Ungezieferplage, die ihre Ursache in mangelhaften hygienischen Verhältnissen, unzureichender Kleidung und wohl auch Überfüllung der Unterkünfte hatte, nahm immer stärker zu. Da die einzige Entlausungsanlage im Altkreis sich im 18 km entfernten Duderstädter Krankenhaus befand, drängte die Firma beim Landrat auf die Aufstellung eines zusätzlichen Entlausungsapparates direkt auf dem Firmengelände. Mindestens zwei Arbeiter aus der Sowjetunion, die bei Jacobi in Bilshausen Zwangsarbeit leisten mussten, Grigory Popow und Dmitry Pilipinko, starben 1943 bzw. 1944 an Lungentuberkulose. 1943 starb zudem im „Wohnlager Jakobi“ ein sowjetisches Kind im Alter von 16 Tagen. Ihre Gräber kennen wir nicht. Der zweite Industriebetrieb, der gleich eine Rolle spielen wird, ist die Firma Franz Hollenbach, Sortierbetrieb für Papier- und Reißwollfabrikation, Wäscherei, Färberei, Duderstadt, Wolfsgärten 9. Hier arbeiteten etwa 20 Männer und 110 Frauen aus Polen und der Sowjetunion, die in einem Lager auf dem Betriebsgelände untergebracht waren. Das Lager bestand wahrscheinlich zum einen aus zwei Wohnungen mit insgesamt acht Räumen in einem Arbeiterhaus auf dem Firmengelände und zum anderen aus einer dort aufgestellten Baracke. Mindestens 16 polnische Kinder mussten ebenfalls hier leben und arbeiten. Der Einsatz polnischer Arbeitskräfte bei Hollenbach begann bereits am 31.5.1940 mit der Ankunft von 13 Frauen, die fast alle bis zur Befreiung 1945 bei der Firma blieben (eine Polin wurde bereits 1941 in die „Irrenanstalt“ Göttingen eingeliefert). 1942 folgten 20 und 1944 37 Polinnen und (wenige) Polen. Allein am 29.8.1944 kamen sieben Frauen mit neun Kindern aus Polen zu Hollenbach. Dies waren vermutlich Deportationen im Zusammenhang mit dem Warschauer Aufstand von 1944. © Geschichtswerkstatt Duderstadt e.V. 2015 www.geschichtswerkstatt-duderstadt.de